ABARIS
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Café Griensteidl, Wien

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PSYCHOTHERAPIE

31.12.2001

Psychotherapie-Kliniken als teure Illusion:  Verhaltenstherapie an der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie Münster (2)

Schein und Wirklichkeit in der Verhaltenstherapie von Angst und Panik
Psychotherapie mit der Christoph-Dornier-Stiftung in Marburg — ein Erfahrungsbericht

Von Helmut Mayer*

Teil 2
Dieser dreiteilige Artikel über Angst-Therapie mit einer Reizkonfrontation als Konfrontationstherapie und mit Kommentaren einer ärztlichen Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie wurde in der Zeitschrift "PSYCHOTHERAPIE" am 31.12.2001 erst­mals veröffentlicht. Mit seinen illustrativen Beispielen ist er als Ergänzung zu der Erläuterung über  ➜ Reizkonfrontation und Flooding als Angst-Therapie  in den Pressespiegel des ABARIS Kaffeehauses aufgenommen worden.

Fortsetzung von  Teil 1 .

Ich will hier versuchen, mein Problem mit der Angststörung zu erläutern. Es begann 1982, es war August und sehr heiß. Ich befuhr mit meinem Wagen eine Zubringerstraße Richtung Arbeitsstelle. Vor mir ein Stau, es ging nicht mehr weiter und dann diese Hitze. Urplötzlich kam so etwas Komisches in mir hoch, ein Gefühl von Angst, Beklemmung und Panik.

Ich dachte: Jetzt ist es aus. Und ich wollte natürlich so schnell aus dieser für mich so lebensbedrohlichen Situation entfliehen, was sich auch realisieren ließ, denn der Stau löste sich auf und ich konnte mit Vollgas in Richtung Arbeitsstelle entkommen. Die Panik hatte mich während dieser Fahrt immer noch im Griff, sie ließ nach, als ich am Ziel angekommen war. Hab dann allerdings noch eine ganze Weile gebraucht um zu mir selber wieder zurück zu finden.

Habe es leider versäumt, mein Erlebnis irgend jemanden anzuvertrauen. Ich dachte, das war sicher nur einmalig und so was kommt bestimmt nicht wieder. Und als Mann, auch mit meinen erst 22 Jahren, darf man so was nicht haben, man muss doch stark sein.

Kommentar
Carmen Heerdegen, Fachärztin für Neurologie und Psychotherapeutin, Stuttgart:

Geschildert wird der typische Beginn einer Angst- und Panik-Störung. Als Stressfolge tritt erstmals ein Panikanfall auf. Der wahrgenommene Kontrollverlust führt zur Furcht, das Geschehen könne sich wiederholen. Würde jetzt ein guter Psychotherapeut konsultiert, wäre die 19-jährige Leidensgeschichte mit ein bis drei Therapiestunden im Keim erstickt worden.

So gingen dann die Tage, Wochen und Monate vorüber. Ich musste beruflich auch öfter LKW fahren, was nicht gerade einfach war, seit diesem schrecklichen Erlebnis. Ich dachte immer wieder an diese Situation, aber irgendwie habe ich das alles auf die Reihe gekriegt. Muss jetzt aber auch mal erwähnen, dass ich zu dieser Zeit einen nicht gerade gesunden Lebenswandel hatte, viel Arbeit, Stress. Fast jeden Tag Alkohol und Nikotin. Auch an diesem besagten Tag, es war um die Mittagszeit, hatte ich auf unserer Zweigstelle schon Bier getrunken. Heute sehe ich das mit ganz anderen Augen, dass ich eine solche körperliche Reaktion hatte.

Dann kam nach drei Jahren eine einjährige Arbeitslosigkeit auf mich zu. Hatte da schon Probleme, mich arbeitslos zu melden, musste dazu ja in die Kreisstadt. Es war ein Gefühl der Beklemmung als ich beim Arbeitsamt vorsprechen musste, habe es aber trotzdem irgendwie hinbekommen.

Ich bin in dieser Zeit nur noch weggefahren, wenn ich mindestens fünf oder sechs Flaschen Bier getrunken hatte, anders ging es gar nicht. Hatte einfach Angst meine gewohnte Umgebung zu verlassen, wo ich mich immer mehr hin zurück zog.

Dann erhielt ich überraschenderweise ein Angebot meines alten Chefs, die Zweigstelle, wo ich früher schon des Öfteren aushalf, zu übernehmen. War natürlich ein tolles Gefühl. Waren ca. 12 Km zu fahren für eine Strecke. Hat auch ganz gut funktioniert - die erste Zeit. Auf der Arbeit hab ich mich dann immer wohler gefühlt. Hatte viel mit Kunden zu tun und es machte Spaß. Wenn da nicht diese Fahrt von meiner Arbeitsstelle nach Hause oder umgekehrt gewesen wäre. Diese Fahrt, die für mich immer schwieriger wurde.

Was ich tat: ich trank wieder Bier, um nach Hause zu kommen. Dann ging es einigermaßen. Morgens zur Arbeit hin hatte ich nicht so viel Probleme. Und dann kamen auch immer mehr Tage, wo mich einfach der Mut verließ, überhaupt zur Arbeit zu fahren. Es gab immer mehr Fehltage. Und eines Tages musste es ja soweit kommen, das ich die Kündigung erhielt. Irgendwie war ich sogar erleichtert, nicht mehr jeden Tag die Strapazen auf mich nehmen zu müssen.

Ich zog mich immer mehr zurück und erzählte immer noch niemanden von meinen Problemen. Habe mich auch gar nicht erst arbeitslos gemeldet. Ich hätte mich ja wieder in die Stadt bemühen und vielleicht auch noch eine neue Arbeitsstelle antreten müssen. Das habe ich damit alles übergangen.

Musste auch kurz nach meiner Entlassung zu einer Wehrübung, was natürlich eine Horrorvorstellung für mich war. Bis fast nach Flensburg, wo ich ja schon mal war, sollte meine Reise gehen. Nach vielem hin und her und Streitereien mit meinen Eltern bin ich doch los. Ein Freund von mir hat sich bereit erklärt, mich mit seinem Wagen dort hin zu fahren. Natürlich musste ich mich wieder mit Bier betäuben, aber es ging.

Die Jahre zogen ins Land, und ich lebte in meiner kleinen Welt. War ja auch gar nicht so schlecht. Hatte immer zu essen, Freunde besuchten mich, und hin und wieder hab ich mir ein paar Mark zuhause dazu verdient, indem ich Autos reparierte, was ich mal gelernt habe, oder meinem Nachbarn am Haus behilflich war. Ich habe mich mit meiner Krankheit und der Situation arrangiert.

Es war natürlich nicht immer leicht für mich, immer wieder Ausreden zu erfinden, wenn ich mal um einen Gefallen gebeten wurde, wo ich meine gewohnte Umgebung hätte verlassen müssen. Keiner wusste genau, was mit mir los war, noch nicht einmal ich.

Ich hatte auch immer Ablenkung genug in Form von Gartenarbeit, Brennholz zu machen oder meine Tiere. Es hat natürlich auch seine Vor- und Nachteile, wenn man wie ich ziemlich außerhalb, ja fast im Wald wohnt. Mit den Jahren hatte ich mich wirklich an die Situation gewöhnt, nicht mehr weg zu fahren, Freunde oder Geschwister zu besuchen usw. Aber irgendwie fehlte mir doch etwas. Ich fühlte mich einfach ausgestoßen von der Gesellschaft.

Irgendwann hören die Mitmenschen auch auf zu fragen. Sie denken, der will es ja nicht anders, er möchte ja so leben. Zum Teil haben sie ja auch recht. Man hat kaum Verantwortung und kann fast alles tun, wozu man Lust hat.

Im Oktober traf ich durch einen Zufall, oder es war Schicksal, meine Freundin. Die auch kurz darauf zu mir zog. Und ich hatte das Gefühl, doch noch gebraucht zu werden. Es war eine sehr schöne Zeit für mich. Ich konnte tagsüber meiner Arbeit rund ums Haus nachgehen und wusste, dass abends meine Freundin nach der Arbeit bei mir ist. Endlich hatte ich mal jemanden gefunden, dem ich meine Probleme erzählen konnte. Und mir ging es schon viel besser. Ab und zu musste ich mich doch aufraffen, mit ihr wegzufahren, auch wenn es nur zu ihren Eltern war, die ca. vier Kilometer von uns entfernt wohnten. Das ging dann aber auch wieder nur, wenn ich vorher Alkohol zu mir genommen habe.

Ich habe dann auch einmal kurz vor dem Haus ihrer Eltern trotz Alkohol einen Panikanfall bekommen, der mich ganz schön aus der Bahn geworfen hat. Von dem Augenblick an habe ich mir vorgenommen, keinen Alkohol mehr zu mir zu nehmen, wenn ich irgendwo hin wollte. Das hat aber dann dazu geführt, dass ich mit meiner Freundin gar nichts mehr in dieser Art unternehmen konnte. Wir gingen zwar in meiner gewohnten Umgebung spazieren, das war aber auch alles. Keine Besuche bei Freunden, nicht in ein Lokal oder in eine Disco gehen, nicht essen gehen usw., was andere Paare selbstverständlich wahrnehmen. Sie hatte großes Verständnis für mich. So blieben wir einfach zu Hause. Sie versuchte auch immer wieder mich auf zu bauen und mir Mut zuzusprechen. Es gelang ihr trotz aller Bemühungen nicht, mich aus meinem Gefängnis zu befreien.

Ich wollte ja was ändern, aber wie? Ich sah irgendwie keinen Ausweg aus meinem Teufelskreis.

Da sah ich im TV einen Bericht von der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie in Marburg (CDS). Von da an wusste ich, dass es noch viele Menschen, ja sogar Männer gibt, die das gleiche Problem haben und denen geholfen werden kann.

Kommentar
Carmen Heerdegen, Fachärztin für Neurologie und Psychotherapeutin, Stuttgart:

Betroffene erfahren überwiegend erst durch Beiträge in den Medien oder über Bücher, dass sie an einer gewöhnlichen Angststörung leiden, die sehr gut behandelbar ist. Dies ist die beklagenswerte und typische Versorgungsrealität. Hausärzte sind bei psychischen Störungen oft inkompetent und verschleppen mit überflüssigen Untersuchungen und Tabletten die erforderliche Psychotherapie.

Und von diesem Moment an habe ich beschlossen, endlich mal was gegen mein Angstproblem zu tun. Ich habe mich telefonisch mit der CDS in Marburg in Verbindung gesetzt. Bei einem Gespräch mit einem dort angestellten Psychotherapeuten habe ich dann erfahren, dass man auch mir helfen könne, auch wenn meine Angststörungen schon so lange bestünden. Das gab mir Mut und Hoffnung und es kam auch wieder mehr Lebensfreude auf: All die Dinge zu tun, die ich früher auch getan habe, vor allen Dingen mit meiner Freundin zusammen. Das war schon ein tolles Gefühl. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht, was alles auf mich zu kommen würde.

Da war jetzt aber eine große Hürde vor mir, die mich natürlich wieder entmutigte. Wer bezahlt so eine Therapie? Da ich ja weder arbeitslos gemeldet noch krankenversichert war, habe mich an meine zuständige Landesversicherungsanstalt (LVA) in Speyer gewendet, die nach etlichen Briefen hin und her und natürlich vielen Monaten Zeit zu der Erkenntnis gekommen ist, mich in eine psychosomatische Fachklinik im Saarland zu überweisen.

Dieses Angebot konnte ich ja gar nicht wahrnehmen, da ich meinen selbst gesteckten Umkreis von ca. 500 Meter nicht verlassen konnte. Doch dafür fehlte den Sachbeamten natürlich jedes Verständnis: Nein, von so einer Krankheit hatten sie noch nie gehört. Das war schon seltsam für mich.

Eine Therapie, wie sie die Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie in Marburg durchführt, würde von der LVA nicht anerkannt, und somit war eine Kostenübernahme ihrerseits natürlich nicht gegeben. Alle meine Hoffnungen, wieder ein gesunder Mensch zu werden, wurden mir dadurch wieder genommen.

Dann habe ich mit Hilfe meiner Freundin Kontakt zu einer Sozialarbeiterin in unserem Kreisgebiet aufgenommen. Sie ist dann auch zu mir gekommen und wir führten ein langes Gespräch. Sie konnte mir auch nicht viel Hoffnung auf eine Kostenübernahme durch einen Träger machen. Sie wolle es aber versuchen, sagte sie. Und so kam es, das sie den für unser Kreisgebiet zuständigen Amtsarzt davon überzeugen konnte, mich zu besuchen. Was dann auch in kurzer Zeit geschah. Der Amtsarzt hat es dann geschafft, das Kreissozialamt zu überzeugen, mir eine Psychotherapie zu finanzieren.

Da fiel mir natürlich ein Stein vom Herzen: endlich konnte es los gehen. Als dann auch diese Hürde überwunden war, musste ich noch einige Monate warten, bis die CDS einen Termin frei hatte für meine Therapie.

Im September letzten Jahres war es dann so weit, und eine Psychotherapeutin aus Marburg kam zu einem Erstgespräch zu mir. Sie hat mir dann in einer Stunde so weit zu vermitteln versucht, was auf mich zu kommen würde, und natürlich hat sie sich vorher ein Bild über meine Krankheit gemacht.

Drei Wochen später sollte es dann los gehen. Wir haben uns bei mir noch mal zusammen gesetzt und alles in Ruhe besprochen. Genaueres wusste ich auch zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht. Ich hatte immer so viele Fragen, die ich stellen wollte, aber sie wurden mir nicht so richtig beantwortet. Ich dachte: Diese Leute sind ausgebildet und wissen schon, was richtig ist. Ich hätte auch gerne von ihr gewusst, wo diese Angststörungen überhaupt her kommen könnten. Mir wurde nur gesagt, dass diese Ängste jetzt da sind und man sollte nicht in der Vergangenheit rum wühlen, was letztendlich doch keine konkreten Lösungen bringen würde. Man hat diese Angst und die kann man nur in den Griff bekommen, wenn man sie wieder durchlebt, also in die Angst auslösenden Situationen rein geht. Ich habe ihr dann aufschreiben müssen, welche Situationen ich mir ganz schlimm vorstellen könnte.

Kommentar
Carmen Heerdegen, Fachärztin für Neurologie und Psychotherapeutin, Stuttgart:

Es gilt als psychotherapeutischer Kunstfehler, mit einem Patienten ohne eine ausreichende kognitive Vorbereitung Reizkonfrontation zu machen. Die Schilderung zeigt, dass die Diplom-Psychologin der Christoph-Dornier-Stiftung dem sehr motivierten Patienten die für das unabdingbare Verständnis wichtigen Fragen "nicht so richtig beantwortet" hat. Qualifizierte kognitive Vorbereitung befähigt die Betroffenen in der absoluten Mehrzahl aller Fälle, ihre Problemsituationen erfolgreich allein zu bewältigen. Dramatische Schilderungen wie in diesem Fall illustrieren nur unnötiges Leid durch unsachgemäße Praktiken.

Nun ging es am nächsten Morgen an die Praxis. Wir spazierten auf meinen Wunsch hin einfach mal drauf los. Als ich dann über meine Grenze hinaus war, wurde mir schon ganz mulmig im Magen. Das habe ich ihr auch gesagt, was ja richtig war.

Sie sagte: Wir gehen weiter. Und als wir dann so ca. 500 oder 600 Meter von zu Hause weg waren und ich nicht mehr schnell genug aus dieser Situation hätte fliehen können, da kam die Angstspirale in sehr großen Schritten auf mich zu. Alles kam hoch. Zuerst das Gefühl, was machst du hier, du bist doch gar nicht mehr in deinem Sicherheitsbereich, hier kannst du gar nicht so schnell wieder raus. Ich dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen.

Ich weinte, war verzweifelt und sah diese Psychotherapeutin an, die aber zu meiner Verwunderung ganz ruhig da stand und auf meine Reaktionen wartete, wie mir schien. Es waren aber nur zwei oder drei Minuten und dann ging es so langsam wieder mit mir. Ich musste um mich schauen. Wir waren ja mitten auf einer freien Feldlandschaft. Ich sollte mir auch immer vorstellen, jetzt fällst du um und so, also immer das Schlimmste. War schon sehr komisch für mich.

Dann sind wir weiter gegangen. Ich war zwar wie benebelt, aber es ging irgendwie. Ich dachte, da musst du durch. Es wird schon richtig sein, was sie mit dir hier macht, das gehört dazu. Ich dachte auch, wenn du hier wieder raus kommen solltest, was ich mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen konnte, kannst du das heute Abend mit vollem Stolz deiner Freundin erzählen. Und das hat mir Kraft gegeben.

Wir sind dann weiter gegangen, bis fast zum nächsten Ort. Da stand ein Birnbaum und ich dachte, hole dir einen Stock und werfe ein paar Birnen herunter, was ich auch mit Freude tat. Vielleicht wollte ich auch ein wenig Ablenkung. So denke ich heute darüber. Wir sind dann weiter marschiert, es begann so langsam sogar etwas Spaß zu machen, die Strecke selber zu gehen, die man schon seit Jahren gemieden hat und früher fast täglich gefahren ist. Ich konnte ja auch nichts anderes tun in diesem Moment, wäre auch lieber zu Hause gewesen.

Mit diesen ersten Eindrücken haben wir nach einer Mittagspause eine andere Strecke gewählt, die ich noch sehr viel mehr gemieden habe. Weil da ständig Autos und Spaziergänger zu einer im Wald gelegenen Gastwirtschaft pendelten. Hatte mal wieder Angst vor der Angst. Ich merkte aber zu meinem Erstaunen, dass die ganz große Angst einfach ausblieb, es war schon merkwürdig. Es war zwar ein komisches Gefühl, aber es ging. Es kam ja auch das Ungewohnte dazu, es hatte sich soviel verändert in den letzten Jahren. Wir sind so ca. drei Kilometer durch den Wald gelaufen, die ganzen neuen Eindrücke waren schon irgendwie faszinierend.

Dann musste ich auch ein ganzes Stück alleine gehen, was ich zu meiner Verwunderung auch schaffte. An diesem Abend fühlte ich mich wie neu geboren. Ich hätte Bäume ausreißen können, so gut fühlte ich mich.

Am nächsten Morgen hoffte ich, dass wir wieder die gleiche oder zumindest eine ähnliche Strecke laufen würden. Es regnete, und die Psychotherapeutin beschloss, dass wir mit dem Auto fahren werden, was natürlich einen Angstschauer in mir auslöste. Aber zu meinem Erstaunen ging es relativ gut. Es war zwar wieder dieses komische Gefühl da, weil diese Situation auch in meinen Vorstellungen ein Horrortrip hätte sein müssen.

Wir sind, also ich als Beifahrer, die einzelnen Dörfer in meiner Gegend angefahren. In den Orten selbst sind wir dann einzelne Straßen abgefahren und ich konnte auch Leute beobachten, was wieder sehr ungewohnt für mich war. In der nächsten kleineren Stadt, die ca. acht Km von mir entfernt liegt, sind wir vor die einzelnen Einkaufszentren gefahren und haben dort geparkt und den Menschen zugesehen, die da ein- und ausgegangen sind. Es war wieder sehr merkwürdig, und ich hätte auch nicht aussteigen können, dachte ich zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, was ich auch nicht musste.

Wir sind dann noch auf meinen Wunsch hin in das Industriegebiet gefahren. Ich konnte wieder sehr viele Eindrücke sammeln, weil sich auch da, wie in der Stadt, in den letzten Jahren sehr viel verändert hat.

Ich machte ihr dann den Vorschlag, ob wir noch in einen Ort weiter fahren könnten, weil dort schon seit vier Jahren mein Bruder wohnt, den ich noch nie besuchen konnte. Das haben wir dann auch getan. Ich bin dann alleine ausgestiegen und zu ihm in die Wohnung gegangen. Nachdem ich so etwa 15 Minuten bei ihm war, sind wir wieder zu mir nach Hause gefahren.

In der knappen Mittagspause von einer Stunde habe ich gar nicht alles realisieren können, was da an neuen Eindrücken auf mich zukam. Nach meiner heutigen Erkenntnis wäre es für mich besser gewesen, zu diesem Zeitpunkt die Therapie für den Tag zu unterbrechen und meine gewonnenen Erfahrungen zu verarbeiten. Es war, wie gesagt, aber nur meine Meinung, denn nach der Pause sind wir auf die Autobahn gefahren, auch da war wieder dieses komische Gefühl, es ging aber diesmal. Die ganz große Angst blieb auch dieses Mal aus. Klar, sie war da, aber doch nicht so stark wie ich es mir ausgemalt habe. Wir hielten die ganze Zeit Zwiegespräche wie bis dahin immer. Sie fragte mich nach meinen Gedanken und Gefühlen. Ich konnte alles nur so wiedergeben, wie ich es zu diesem Zeitpunkt empfand.

Als wir dann so 50 Km gefahren waren, sind wir in Richtung Koblenz eingebogen. Mir wurde natürlich ganz anders, als ich diese vielen Autos sah, die an uns vorbei fuhren oder uns entgegen kamen - und ich mitten drin. Es war ein Gefühl der Beklemmung in mir, aber was sollte ich tun: fliehen konnte ich ja nicht. Anschließend sind wir durch die ganze Stadt, und Koblenz ist eine hektische Stadt, gefahren. Die vielen Menschen, es war schon sehr sehr komisch, dies alles zu erleben. Auch in Koblenz ist ein riesiges Gewerbegebiet, was wir dann auch noch durchquert haben. Es waren sehr viele neue Eindrücke, die ganzen Geschäfte und Firmen, die man nur aus Werbeprospekten und vom Hören kannte, jetzt live zu sehen.

Dann sind wir noch in die nächste Stadt gefahren und ich muss sagen, mir war zu diesem Zeitpunkt schon fast alles egal, ich habe es einfach über mich ergehen lassen. Es war alles zu viel, was ich in dieser kurzen Zeit erlebt habe. Von da aus sind wir dann über Land nach Hause gefahren, was auch noch einmal ca. zwei Stunden gedauert hat.

Ich war an diesem Abend so fertig mit meinen Nerven und hatte einfach keine Kraft mehr. Bin abends mit 180 eingeschlafen und auch mit dem selben Tempo wieder aufgewacht, um es mit meinen Worten zu beschreiben. Es war einfach zu viel an diesem Tag. Und meiner Meinung nach hätte die Psychotherapeutin dies auch wissen müssen. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, und habe ihr auch am nächsten morgen gesagt, dass ich nicht mehr könnte und die Therapie beenden möchte.

Was wir damit auch taten. Ich bin in den nächsten Tagen noch mit ihr in telefonischem Kontakt geblieben. Weil ich alleine weiter machen wollte, denn das Vertrauen zu dieser Dame war weg!

Kommentar
Carmen Heerdegen, Fachärztin für Neurologie und Psychotherapeutin, Stuttgart:

Vertrauensverlust und Misserfolg waren das absehbare Ergebnis einer Konfrontationsbehandlung, die den Patienten nur ausführte, ihm aber seine Denkfehler und die psycho-physiologischen Zusammenhänge mit seiner Angststörung nicht verständlich machte. Deshalb konnte er weder bei der Übung mit noch ohne Psychotherapeutin einen Erfolg erreichen — und kapitulierte.

Meine Freundin und ich haben auch eine Autofahrt zum nächsten Dorf unternommen, was mir sehr gut gelungen ist. Einen großen Spaziergang haben wir ebenso gemacht, was bis auf die immer anfänglichen Schwierigkeiten ebenfalls gut gelungen ist. Danach wollte ich auch keinen Kontakt mehr zu dieser Psychotherapeutin aufnehmen.

*Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.
Wir danken dem Autor für den Mut und die Mühe, diese Dokumentation zu verfassen, "um anderen Patienten mit Angststörungen behilflich zu sein".

Lesen Sie im  Teil 3 , wie der zweite Versuch von Psychotherapie mit der Christoph-Dornier-Stiftung ebenfalls erfolglos blieb.

Reizkonfrontation, Exposition und Flooding als Angsttherapie — Teil 1
Reizkonfrontation, Exposition und Flooding als Angsttherapie — Teil 2
Reizkonfrontation, Exposition und Flooding als Angsttherapie — Teil 3

 
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